Die erste Woche in Ouagadougou

Hallo, ihr lieben!
hier also meine erste Nachricht aus Ouaga. es ist 18:41 Ortszeit, Mittwoch und ich sitze auf dem Dach des Gästehauses des DED in Gounghin, einem kleinen armen Viertel und höre gerade den Muezzin aus der Moschee zum Gebet rufen. Der hat mir in der ersten Nacht um 4 Uhr morgens schon geholfen mich zu orientieren (ich dachte, es sei 8 Uhr und hab nicht verstanden, warum es noch immer dunkel ist). Tja, das kommt davon, wenn man die Zeitverschiebung in die falsche Richtung umrechnet =)
Es ist unglaublich schön hier! In der Regenzeit ist Burkina einfach wunderbar grün. Gestern haben wir einen Ausflug nach Laongo gemacht (einem Steinskulpturenpark und so ziemlich der einzigen Sehenswürdigkeit in Ouaga). die Bilder versuche ich euch noch zu schicken.
Die erste Woche werde ich jetzt noch beim DED wohnen und mit den anderen vier von unsrer Mentorin Katrin eingeführt, herumgeführt und umsorgt. Nächste Woche gehts dann in unsre Projekte und unsere jeweilige Unterbringung.
Morgen werde ich schon den Sprachlehrer meiner Assoziation kennen lernen und auch ihr Zentrum, also mein neues zu Hause sehen!! Ich bin schon ganz doll aufgeregt.
Mit dem Telfonieren ist das hier schwierig. Man muss in öffentliche Telefonzellen, die sind dann unterschiedlich teuer. Wir haben uns gestern alle Burkiner Simkarten gekauft, auf denen wir billig untereinander und im Inland telefonieren können. Wenn ihr mich anrufen wollt, ist das auch möglich, allerdings nicht, wenn ihr bei Telekom seid. Die stellen einen nicht durch. Meine Handynummer ist 71294761. Die Vorwahl ist 06221. Probierts mal, hab gerade vergessen, wie teuer es ist, es geht aber. Mein Anbieter ist Telemob.
Hier gibt’s gleich ein schönes Gewitter!!
Alles, alles liebe, ich melde mich bald wieder!
Lydia

So, da bin ich wieder!
Es ist Samstag Vormittag. 11:50 am 9.8.2008.
Ich bin noch immer im Gästehaus des DED in Ghoungin (keine Ahnung, ob man das so schreibt). Wir waren heute morgen auf dem Markt hier um die Ecke einkaufen. Mangos und Bananen. Die Mango war so süß, ich war beim Frühstück sofort von Fliegen umringt, die mir sogar in den Mund geflogen sind!! Ich hab dann in der Küche zu Ende gegessen.
Heute ist mein erster freier Tag. Ich bin ziemlich froh, noch kein genaues Programm zu haben, ich muss die Erfahrungen und Eindrücke erst mal sacken lassen. Vielleicht geh ich nachher noch spazieren. Aber schon das Einkaufen war ziemlich anstrengend. Ständig wird man angequatscht, aufgefordert jemandem die Hand zu geben (und Hände waschen ist hier nicht weit verbreitet), bekommt ein lautes Naasara! (Weiße!) hinterher gerufen und muss bei dem ganzen Dreck ständig aufpassen, wo man hin tritt, dass man nicht ausrutscht und vor allem, dass man nicht von einem Mofa um gefahren wird.
Außerdem muss man echt aufpassen nicht ein bisschen paranoid zu werden, wenn man merkt, dass man schon die ganze Straße lang von jemandem verfolgt wird, den man gerade erst erfolgreich ab gewimmelt hat. Oft hat man hier auch einfach denselben Weg.
Vielleicht liegt es daran, dass das Viertel hier ein ganz einfaches, eher
ärmliches ist. Wenn es Unruhen gibt, ist Ghoungin das Zentrum, wo es richtig zur Sache geht. Wobei einem das keine Sorgen machen muss. Katrin, meine Mentorin, lebt seit 12 Jahren in Burkina Faso, ohne das es jeh wirklich gefährlich für sie wurde.
Ich muss sagen, dass ich mir im Moment einfach nicht vorstellen kann, wie ich mich hier wirklich wohl und zu Hause fühlen soll. Vielleicht liegt es daran, dass ich bisher auch eher eine Art Touristenprogramm gemacht habe und sich für mich bisher noch kein richtiger Alltag einstellen konnte. Aber sich hier zu Integrieren, wird nicht leicht für mich. Das Schlimmste ist, dass man zu Hause, in Deutschland, daran gewöhnt war, selbstständig und weitestgehend unabhängig zu sein. Es war fast schon zu einem Teil meiner Persönlichkeit geworden, denn immerhin bekommt man bei dem ganzen Terz und Ritual um das Abitur herum ja auch von allen Seiten vermittelt, dass man jetzt erwachsen, selbstständig, für sein Leben, seine Zukunft alleine verantwortlich sei und Reife zeigen müsse. Und irgendwie wächst man in diese Rolle hinein, passt sich ihr an und fühlt sich auch hinein. Man will sein Leben selbst in die Hand nehmen. Und schlagartig bin ich hier in den Zustand eines Kindes zurückgeworfen, dass völlig hilflos in einer unüberschaubaren Großstadt nicht mal in der Lage ist, ohne Instruktionen einfachste Lebensmittel zu kaufen, geschweige denn für sich selbst zu sorgen.
Das ist hart. Das ist wirklich schwer zu verkraften, weil es einen ganz furchtbar unsicher macht. Denn man ist halt auch nicht mehr so naiv zu glauben, alle andren würden sich um einen kümmern. Was sie ja schon auch tun, allerdings kann jemand aus einer völlig anderen Kultur nicht alles vorher sehen, was man selber für unverzichtbar hält. Zurück bleibt ein ständiges Gefühl von Unsicherheit und Haltlosigkeit.
Deswegen kann ich es kaum erwarten, dass meine Arbeit endlich anfängt am Montag. Der erste Monat wird auch ziemlich hart, glaube ich. Mooré ist schon für afrikanische Verhältnisse echt keine leichte Sprache. Und dann spricht auch nur ca. die Hälfte der Bevölkerung Ouagas überhaupt Mooré. Ghoungin ist auch Mooré. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie ich das in drei Wochen lernen soll. Der erste Monat soll jetzt ein Probemonat werden. Es gibt eine Arbeitsplan für mich, auf dem mein Tag in Zeiten eingeteilt ist für den nächsten Monat. Dann wird geguckt, wie weit ich gekommen bin und inwieweit die Ziele (Objectifs)realistisch waren. Sie bezeichnen uns hier als stagaires. Der Begriff ist ihnen hier lieber als volontaire, weil wir im Prinzip ja doch eher Praktikanten als Freiwillige sind. Das finde ich auch ganz gut so.

Ich gebe mal meine Objectifs an (ich versuch es mal zu übersetzen, nicht ganz leicht, übersteigt mein Französisch eine wenig)
a) Eine Vorstellung von der Kultur der Mossi haben, das Prinzip des Hexenaberglaubens ablehnen (jeder Tod hat einen rationalen Grund!)

b) Basiskenntnisse Mooré (Begrüßung, sich vorstellen, Kontakte schließen, sich über positive, wie negative Ereignisse informieren, Einladungen höflich ablehnen oder annehmen, dringende Bedürfnisse äußern, meine Arbeit erklären, mich über den Tagesablauf einer Mossifamilie informieren können)

c) Über die geographischen Ausmaße des Phenomens des Hexenaberglaubens Bescheid wissen

Für diese Bereiche sind die Stunden von 8 bis 12 Uhr jeden Tag eingeplant. Da werde ich dann Unterricht bekommen (raus aus der Schule, rein in die Schule) und mit den Associationsmitgliedern diskutieren. Das soll mir dann auch helfen mich schneller zu integrieren und leichter einen Zugang zur Bevölkerung zu bekommen und akzeptiert zu werden. (oh je-oh je-oh je!!!)

d) Besuch und Einführung in das Zentrum Delwendé (Frauenauffangzentrum) und den cour de solidarité (keine Ahnung, ob das ein Gerichtshof oder eine Art Ministerium ist)
Dort werden mir die Verantwortlichen Personen vorgestellt (im Ministerium oder was auch immer, halt diejenigen, die hier in Burkina was an der Situation der Frauen ändern können). Dann Kennenlernen der Ressourcepersonen (Ärzte etc.), Fahrten aufs Land in die Dörfer und Kennenlernen sozial aktiver und wichtiger Leute und regionalen Direktoren.
Und dann gibt es da noch so einen Punkt, den ich nicht so ganz verstehe...Ich glaube irgendetwas mit offiziellen Anträgen und Computern...keine Ahnung. Ich hoffe einfach, dass mir das bei Zeiten irgendjemand erklärt.
Dafür stehen dann die Nachmittage (zwischen 15 und 17:30) zur Verfügung. Das ist so gedacht, dass nicht nur ich die Leute kennen lerne, sondern die sollen mich dann auch kennen. Irgendwie war da auch von (ich hoffe, ich habe das richtig verstanden) cours de détention des femmes die Rede, also Frauengefängnis? Jedenfalls soll mit den acteurs/actrices dieser Institutionen plus efficace, also effizienter zusammengearbeitet werden und ich soll dabei helfen...Keine Ahnung wie. Aber wie schon gesagt, ich habe einfach vor mir hier weniger Fragen zu stellen, sondern einfach mehr auf mich zukommen zu lassen. Zur Zeit fällt s mir schwer mir vorzustellen, dass ich überhaupt irgendetwas ausrichten kann.

Oh làlà! Das ist echt furchtbar, sich so überfordert zu fühlen ohne, dass irgendwas überhaupt begonnen hätte.

Naja. ich geh jetzt eine Banane essen, ich hab Hunger.
Alles Liebe
Lydia

4 Kommentare 9.8.08 19:27, kommentieren